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Sie uns den Brief, den Sie nie abgeschickt haben!
Warum nicht? Sie werden Ihre guten Gründe gehabt haben
... Dennoch haben Sie sich mit dem Brief Mühe gegeben,
Sie haben lange nachgedacht über die Formulierungen, denn
das, was Sie geschrieben haben, war Ihnen ein Herzensanliegen.
Sie haben darin Fragen aufgeworfen und vielleicht Antworten
gegeben, die nun im Papierkorb liegen. Worte kann man nicht
zurückholen, haben Sie vielleicht gedacht, und die Briefmarke
wieder in die Schublade gelegt. Vielleicht war es klüger
so, wer weiß ... aber damit Ihre Überlegungen wenn
schon nicht denjenigen, die sie betreffen, nützlich wurden,
doch doch vielleicht uns anderen?
Marie macht den Anfang. Es gibt nicht wenige Briefe, die sie
niemals abgeschickt hat. Hier ist einer davon, geschrieben zehn
Jahre nach dem Tod ihrer Mutter.
Liebe
Mutter,
heute nacht habe ich an dich gedacht, weil du nun schon zehn
Jahre für mich nicht mehr erreichbar bist. Ich habe gelernt,
ohne dich zu leben; es macht mir keine Mühe, ich hatte
es schon gelernt, als du noch da warst. Du hast an mir nichts
versäumt, wohl aber ich an dir. Das kann ich mir nur schwer
verzeihen, obwohl ich sicher bin, dass du mir längst verziehen
hast. Das hast du immer - egal, wie schwerwiegend die Verstöße
waren.
Als du damals so plötzlich allein warst, als Papa starb,
da habe ich mich nicht um dich gekümmert. Da war ich achtzehn
und völlig mit mir selbst beschäftigt. Ich wußte
ja nicht, und weiß es bis heute nicht, wie das ist, wenn
man lange Jahre Teil eines Paares war. Aber ich stelle mir vor,
dass es ist wie die Amputation eines wichtigen Körperteils,
die Amputation dessen, was weit über einen selbst hinausragt
und vielleicht auch dessen, was einen mit dem Rest der Welt
verbindet. Du warst ja immer Hausfrau, und es war Papa der die
Diskussionen hereinbrachte auf unseren behüteten Tisch,
wo wir uns dann in der Sicherheit unserer vier Wände darauf
stürzen konnten. Als er fort war und auch ich - da mußt
du ganz alleine dagesessen haben und dich gefragt haben, ob
du es richtig gemacht hast damals, als du zugunsten der Familie
dein Studium aufgeben hast. Dass du immer nur die anderen gestützt
und gestärkt hast und nie von ihnen, von uns beiden, verlangt
hast, dass wir auch dich stützen in deiner mühsamen
Aufgabe, immer nur zu geben und nur selten zu empfangen. Jetzt
erlebe ich selber, wie das ist und um so mehr werfe ich mir
vor, dass ich damals so furchtbar blind gewesen bin, als du
mich gebracht hättest. Oh, grausame Jugend!
Deine
Marie
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