_BRIEFE, DIE SIE NIE ABGESCHICKT HABEN


Lieber Ehemann,
vor einiger Zeit habe ich gelesen, dass sich Mitterand und seine Frau Danielle, die ja weiß Gott ein schwieriges Verhältnis miteinander hatten (wie die staunende Öffentlichkeit erst nach seinem Tode erfuhr), manchmal nur schriftlich miteinander gesprochen haben. Eine Notiz von ihr, eine Replik von ihm ... auf dem Küchentisch, im Bett, im Eisschrank.

Zuerst fand ich das ganz gut. Vielleicht sollten wir auch Presidents spielen...?

Du denkst, dass ich dich liebe/du mich liebst und ich dir alles sagen kann - nein, eben doch nicht. Weißt du eigentlich, was ich dir verschweige? Nicht viel, nur die Beschreibung der Dinge, die schief gegangen sind am Tage.
Kleinigkeiten. Eine Milchtüte umgefallen. Den Postboten verpaßt. Das leidige Telefonat wieder nicht geführt. Die Parkkarte verloren und stattdessen die Pauschale gezahlt. Einen Fleck auf die neue Bluse gemacht, der nicht einmal in der Reingung herausgehen wird. Schwiegermutter angelogen. Kind angeschnauzt. Kollegin genervt. Rechnung vergessen, Mahngebühr gelöhnt.

Warum ich dir das nicht erzähle? Weil du nicht tröstest. Weil du so tust, als könne dir das nie passieren. Weil ich es satt habe, zum Ärger über meinen eigenen Fehler auch noch einen Besserwisserkommentar zu bekommen.

Das hier wirst du nicht lesen. Einen Zettel werde ich auch nicht schreiben.

Ich bin nicht Danielle, und du betrügst mich nicht. Wir lieben uns. Ich mache keine Fehler. Nie.
C.
e

 

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