_BRIEFE, DIE SIE NIE ABGESCHICKT HABEN


Diesen Brief schrieb Agathe S. aus F. ihrer Tochter Jenny (10)

Geliebte Tochter,
das ist doch die Wahrheit, sagst du trotzig, wenn ich mich ärgere, weil du mit deinem unbekümmerten Ausruf "Was für ein beschissenes Wetter!" die Haustür geöffnet hast. Draußen stehen unsere vollbepackten Räder und wir wollen in einen Radurlaub starten. Natürlich könnte das Wetter viel schöner sein: kühl und frisch und sonnig und nicht trüb und schwül und grau. Aber um uns herum stehen dein schwer arbeitender Vater, der endlich einmal frei hat, dein erwartungsvoller kleiner Bruder, der sein neues Mountainbike einreiten will und deine kleine Schwester, die sich auf ihre Römersitzsänfte mit Fläschchen und Schnuller vorbereitet hat. Und ich, jawohl ich, deine abgekämpfte Mutter, die die in letzter Sekunde noch dein Lieblingshemd gebügelt hat. Das mit den hundert Knöpfchen und der Rückenfalte, ja, ganz genau das, welches sie am allerwenigsten leiden kann beim Bügeln ... Und jetzt ist dein herber Ausruf so etwas wie ein Schlag in den Magen.

Man wollte sich freuen, natürlich sah jeder das Wetter, aber man hätte es - hättest du deinen Mund gehalten - ignorieren können, hätte so tun können, als bemerke man die herannahenden Regenwolken nicht. Die man ja sowieso nicht ändern kann - da genügt es, wenn man sich in letzter Minute damit befasst, wenn es darum geht, einen Unterstand zu finden.

Aber du, du hast die wunderbare Angewohnheit, nichts, aber auch gar nichts zu beschönigen. "Mama, hast du aber zugelegt!" - wenn man im neuen Abendkleid (den Bauch eingezogen) durchs Zimmer spaziert und gerade anfängt, sich darin schön zu finden. "Ihr habt ja keine Ahnung, was in ist!" - wenn Papa seinen neuen teuren Borsalino aufsetzt. "Pah, was ist schon das Seepferdchen - ich habe die Bezirksmeisterschaft gewonnen!" - wenn der kleine Bruder stolz die Urkunde überreicht.

Du weißt, was ich meine? Du verstehst es nicht? Du findest, man sollte immer und überall die Wahrheit sagen? Denk doch einmal darüber nach, dass wir manchmal Dinge sagen, die Botschaften sind, die weit von ihrer Oberfläche abweichen. Wenn man "schön!" sagt, bedeutet es nicht immer, dass die Sache, auf dies es sich bezieht (das Kleid, der Himmel, der Tag) absolut wunderschön ist, sondern vielleicht auch: "Ich freue mich auf die Tour!" oder "Ich bin stolz auf dich!" oder "Du hast ein neues Kleid, okay, mein Geschmack ist es nicht, aber du musst dich darin wohlfühlen, und ich sehe wie du dich freust und das ist schön!". Verstanden? Nein? Dann melde ich mich mit dem gleichen Thema noch einmal, nächstes Jahr, wenn du älter bist. Wenn dir aufgefallen ist, dass es neben deiner eigenen Perspektive auch noch andere gibt ...

sei umarmt,
Deine Mutter