_INTERVIEW MIT JENNA

Vera: Guten Tag, Frau Anders. Eine Frage gleich vorweg: Ist es wahr, was in der Zeitung steht? Dass Sie ihren Namen geändert haben?
Jenna: Ja, das stimmt. Ich heiße in Wirklichkeit Jenna Anderson. Aber was heißt schon geändert? Ich habe lediglich die letzte Silbe weggelassen.

Vera: Und warum?
Jenna: "Ander - son" bedeutet doch wohl: Sohn von Anders, oder meinetwegen Tochter von Anders. Aber ich bin nicht die Tochter meiner Eltern.
Vera: Sie sprechen in Rätseln. Klären Sie uns doch endlich auf!
Jenna: Du meine Güte, es ist nichts Spektakuläres. Ich bin ein Adoptivkind. Meine Eltern, der Hals-, Nasen-, Ohrenarzt Dr. Achim Anderson und die Laborärztin Dr. Karen Anderson haben mich angenommen, als ich noch ganz klein war. Ich hätte mir keine anderen Eltern wünschen können; sie waren perfekt.
Vera: Aber Sie sind nicht perfekt, entschuldigen Sie, wenn ich so grob bin. Hatten Sie Ihre Behinderung schon von Geburt an?
Jenna: Nein, da war ich ganz normal. Durchaus perfekt, wenn Sie so wollen. Aber wollen wir nicht du zueinander sagen? Ich heiße Jenna.
Vera: Natürlich, gerne. Ich bin Vera. Und was ist passiert?
Jenna: Willst du das wirklich hören? Dann lies doch, was ich in Texte dazu erzähle. Das ist zwar nicht die ganze Geschichte, aber ich denke, für den Anfang genügt sie. Du wirst sehen, dass du mich nicht zu bemitleiden brauchst. Ich bin an meinem Übel selber schuld.
Vera: Und wie kommst du damit zurecht?

Jenna: Wie Pauline es nennen würde: Es gibt solche und solche Tage. Heute zum Beispiel würde ich am liebsten alles kaputthauen, was mich nervt. Die fettigen Schuppen auf Fendis Mantelschultern (kann der Kerl sich nicht einmal richtig die Haare waschen?). Den stinkenden Müll unter der Spüle (wissen díe Politiker eigentlich, was sie uns mit der Mülltrennung alles aufhalsen?). Meine polnische Nachbarin, die statt "echt?" immer "äääscht?" sagt ( hört die den Unterschied denn nicht?). Die Nachrichtensprecher, die sich an Katastrophen aufgeilen (womöglich führen sie sie selbst herbei, damit sie sich in Szene setzen können?). Die Supermarktregale, die in zig Variationen immer dasselbe ausstellen (halten die uns eigentlich für blöd?). Entschuldige Vera, aber jetzt komme ich so richtig in Fahrt ...
Vera: Macht nix, kenn ich auch, diese Gefühle.
Jenna: Ach wirklich? Na denn, jetzt reicht mirs. Schluß. Klappe zu, Affe tot. Will allein sein.
Vera: In Ordnung. Danke, Jenna.
Jenna: Nix für ungut. Es ist diese absolute Ohnmacht, die mich fertig macht.

>> Jennas Tankstellen