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___Manchmal
fühle ich mich seltsam hälftig. Es ist schwer zu
erklären, es ist das ganz sichere Gefühl, daß
etwas fehlt. Daß ich nur mit dem Fehlenden zusammen etwas
wirklich Ganzes bin. Ich weiß nicht, ob Sie mich verstehen,
ich weiß nicht, ob es anderen Menschen ebenso geht. Früher
war dieses Gefühl stärker als heute, vielleicht hängt
es damit zusammen, daß man erwachsen wird. Vielleicht findet
man sich eben damit ab, daß man immer diese wunde glatte
Fläche haben wird, an der etwas abgeschnitten zu sein scheint.
Vielleicht oxidiert diese Schnittfläche ja, überzieht
sich mit Rost, wird rauh und irgendwann so natürlich-lebendig
wie der Rest von mir. Manchmal denke ich, es ist das Gesunde an
mir, welches das Kranke abstoßen will - nur, wenn ich wieder
gesund bin, kann ich wieder ganz sein. Mag sein - überflüssig
darüber nachzudenken. Ich werde nie wieder gesund werden,
das ist ganz und gar unmöglich. Vielleicht ist es aber auch
nur die Sehnsucht. Ich bin dreiunddreißig, sexuell gesund
und einsam. Vielleicht fühlt sich da jedefrau hälftig,
könnte ja sein. Sie verstehen, weshalb ich ganz besonders
sehn- süchtig bin; mir fehlen die Gelegenheiten, jemanden
kennenzulernen. Wie es passiert ist, das mit meinen Beinen? Das
war damals vor sechzehn (fünfzehn Jahren und zweiundzwanzig
Tagen) Jahren. Ich war unglücklich gewesen, so wie man es
häufig ist, wenn man achtzehn ist. Ich wollte nach Berlin.
Damals war in Berlin die Hölle los, Sie erinnern sich sicher,
ein parr Jahre vor der Wiedervereinigung. Karen, meine Mutter,
war nicht einverstanden und verbot es mir. Um ehrlich zu sein,
ich wollte überhaupt nur nach Berlin, weil meine Mutter es
verbot. Ich war immer unglücklich damals, trotzig und eigensinnig.
Ich schlug die Türen, daß der Putz zitterte und rannte
in den Wald hinterm Haus. Tränenblind (Tränen des Mitleids
mit dem armen Pflegetöchterlein wg böser Stiefmutter)
stapfte ich in den feuchten Wald hinein. Und dann geschah etwas,
was ich bisher niemandem, auch mir selbst nicht, schlüssig
erklären konnte. Es war ungemütlich (Oktober), ich hatte
kein Ziel, ich fror. Der Rotz lief mir aus der Nase. Ich hatte
keine Handschuhe. Es gab niemanden, der mich ausreichend liebte.
___Aber ich
war ganz. Die Hälfte, die so oft abwesend war, war bei
mir. Ich fühlte mich vollständig. Meine Füße
bewegten sich siegesgewiß auf dem weichen Waldboden. Sie
wußten etwas, das ich nicht wußte. Sie suchten etwas.
Etwas Hohes. Einen frei stehenden Baum. Nein, einen Hochsitz.
Mir war unbekannt, daß es an dieser Stelle einen gab, so
weit drin im Wald. Aber ich fand ihn. Ein Jägersitz, eine
Lichtung überblickend. Meine Füße, meine Hände
wollten hinauf. Ich sträubte mich nicht, mein Verstand war
beschäftigt mit den heißen Emotionen, die aus meinem
Bauch emporquollen, den Salven aus Wut, den Mitleidswogen, den
bösartigen Böllern gegen Karen. Mein Körper schob
sich auf der Leiter nach oben. Plötzlich hatten die Sprossen
ein Ende, und ich trat auf das schwankende Podest. Zehn, zwölf,
fünfzehn Meter über der Erde. Eine tropfnasse Fichtenschonung,
eine kurzgrasige Waldwiese, Maulwurfshügel, stiller, später,
nasser Nachmittag, kein Wild zu sehen. Frieden für Mensch
und Tier. Ich atmete tief ein und fühlte mich nicht unglücklich
und schwach, sondern stark und frei. Ich würde mich durchsetzen,
hier und jetzt und überall. Ich war ganz bei mir; beide Hälften.
Und dann sprang ich.
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