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Nie
wieder ist ihr im Leben etwas so peinlich gewesen wie der Zeck
damals. Sie war zwanzig, sie waren draußen, in der Natur,
irgendwo in der Nähe des Hohentwiel, bei Singen am Bodensee.
Eine Ferienreise mit den Berufsjugendlichen vom CVJM, dieser christlichen
Freizeitunion. Karen hatte alles mit den Betreuern abgesprochen,
man behandelte sie, als ob sie ein ganz gewöhnliches junges
Mädchen sei, gab sich alle Mühe, so zu tun, als sei
ihre Behinderung nicht weiter als ein kleiner Spaß. Sie
saß also auf einer Decke im Gras, ganz so, als gäbe
es nichts Schöneres für sie an einem blauen Sommertag.
Und da bei Gott, das war wie ein Blitz, der zwischen die
Augen geradewegs in die Stirn fuhr sah sie ihn.
Ihn! Groß,
mit einer dunklen Lockenmähne, schrägen Augen und einem
maliziösem Mund. Er ähnelte Cat Stevens, dem Popsänger,
der sich später einen islamischen Namen gab, dessen sie sich
jetzt nicht entsinnt, von weitem, und von nahem, bei Gott, sah
er haargenau so aus wie dieser. Er beugte sich lächelnd über
sie und sprach zu ihr in einer sanften melodiösen Stimme,
die ihr noch heute nach all den Jahren im Ohr klingt.
Was sie redeten,
weiß sie nicht mehr, aber er interessierte sich für
sie, spielte nicht Fußball mit den anderen, sondern hockte
sich auf gekreuzten Beinen zu ihr. Sprach zu ihr hypnotische Worte
in herrlichem Hessisch. Seit damals liebt sie diese weiche Färbung
des Frankfurter Dialekts; er macht sie sinnlich. Sie muß
ihn angesehen haben wie ein zu Tode erschrockenes Kaninchen
ihre Augen geblendet von den Scheinwerfern seiner braun-grün
gesprenkelten Iris. Vielleicht dachte sie an Jesus, vielleicht
an Flucht, vielleicht an das Gefühl, das seine geschwungenen
Lippen auf ihren trockenen auslösen könnten ... wahrscheinlicher
ist, dass sie gar nichts dachte, sondern stumm flehte, dass dieser
Augenblick anhalten möge.
Und mitten hinein
in diesen Gottesdienst kroch dieses furchtbare Jucken. Dieser
Zwang, sich zu kratzen. An dieser unaussprechlichen Stelle. Irgendwo
zwischen ihren nutzlosen Beinen. Dort, wo es feucht und finster
war. Sie deutete auf die sonderbaren Wolkenformationen, die in
der Höhe vorübersegelten, in der Hoffnung, er möge
darin Tierbilder oder Zwergenköpfe oder was immer sehen.
Und sie könnte, während er seinen fantastischen Interpretationen
nachspüren würde, kratzen, kratzen, kratzen. Ungesehen.
Zwischen den Beinen. Kratzen wie ein haariger Gorilla im Dschungel.
Ungesehen. Kratzen. Er blickte ihr in die Augen. Nahm ihre Hand
zwischen seine schlanken Finger. Die Hand, die sich nach nichts
anderem gesehnt hatte als nach eben diesem, und die jetzt fort
wollte von ihm, weg von dem Mann und zwischen die eigenen Beine.
Im Schamhaar wühlen, die wunde Stelle finden und kratzen,
kratzen. War das die Liebe? Schlug sie auf diese Weise zu? War
es dies, wovon die Bücher sprachen? Dieses unstillbare Verlangen,
sich derb zu befingern?
Sie wand sich
auf ihrem Grasteppich wie eine wunde Schlange. Weglaufen konnte
sie ja nicht.
Schließlich
bat sie ihn, schamrot, sie zur Toilette zu bringen. Dort verlor
sie fast das Gleichgewicht bei dem akrobatischen Versuch, jene
juckende Stelle zu erspähen. Sie war sich sicher, dass dort
etwas ganz und gar nicht in Ordnung war. Schließlich erfühlten
ihre Finger einen festen glatten Pickel dicht an der geheimen
Öffnung. Glatt. Fett. Eine Warze. Eine Pestpustel. Ein Zeck.
Der Ekel lähmte
sie. Die Vorstellung von einem raffzahningen Ungeheuer, das sich
da in ihr geheimstes, ihr zartestes Fleisch fraß, machte
sie starr vor Entsetzen. Doch sie wußte, sie mußte,
sie mußte handeln. Sie konnte das Tier nicht länger
in sich dulden.
Ein Zeck, keuchte
sie, als sie ihren Troubadour wiederfand, der vor der Lokustür
auf sie gewartet hatte.
Haben wir gleich,
sagte der fachmännisch. Wo sitzt er?
Ja, wo saß
er? Wie nannte man das doch gleich? Klinisch in den Schamlippen.
Aber haben Sie je ein solches Wort geäußert
einem fremden, attraktivem Mann gegenüber? Mit unberührten
zwanzig! Und was für ein Begriff war das überhaupt?
Wieso Scham? Wieso Lippen? Und wieso hörte sich die Verbindung
von diesen beiden Begriffen so grauenhaft an? So defensiv? So
eklig?
Schließlich
hob sie den Zeigefinger, krümmte ihn auf sich zu und deutete
nach unten.
Da?, fragte er.
Sie nickte, den
Tränen nahe.
Isch mach´
ihn dir ´raus, sagte er weich, isch weiß, wie man das
macht. Setz disch.
Sie wußte
es nicht. Sie hatte die krudesten Vorstellungen. Mit einer Zange.
Mit den Fingernägeln. Mit einem Messer. Mit einer scharfen
Pinzette. Mit einer glühenden Zigarette.
Er krempelte
sich schon die Ärmel hoch, bildlich gesprochen. Zerrte an
ihren Jeans. Sie hob den Hintern. Saß da in ihrem unschuldigen
weißen Höschen. Schob es zur Seite bis sich krauses
schwarzes Haar zeigte. Heute morgen hatte sie geduscht, wenigstens
das.
Der Zeck war
weg. Hoffte sie, weil er ihn nicht fand mit seinem kundigen Finger.
Ihr Fleisch schwoll. Ihr war unerträglich heiß. Er
starrte wie gebannt zwischen ihre Beine, sie sah nur seinen wolligen
Hinterkopf mit dem hübschen Mahagonihaar. Seinen Gesichtsausdruck
sah sie nicht, das wäre auch zuviel für sie gewesen.
So gehts
nicht, meinte er schließlich. Du musch´ disch ausziehen.
Das Höschen?,
wisperte sie.
Ja, gab er zurück,
brauchst keine Angst zu haben, isch tu dir nichts. Stell dir einfach
vor, du wärst beim Arzt.
Das hatte sie
sich schon oft vorgestellt, deshalb war sie noch nie dort gewesen.
Er streifte ihr
das Höschen von den Hüften. Sie suchte nach den Wolkenbergen
am Himmel und versuchte erfolglos, sich Elefanten und Nashörner
herbeizufantasieren. Sie wollten nicht kommen. Stattdessen sah
sie den phallischen Schlot des Hohentwiel am Horizont.
Er entschuldigte
sich, erhob sich und rannte zu seinem Gepäck. Sie saß
da, unten herum kühl entblößt, und hoffte, daß
die anderen, die sich mittlerweile in einem nahem Steinbruch vergnügten,
nicht vor der Zeit zurückkommen würden. Sie konnte ihre
Stimmen ganz am Rande ihres Bewußtsein hören, in gütiger
Entfernung.
Er kam zurück,
eine Taschenlampe in der Hand, ein mit undefinierbarer Flüssigkeit
getränktes Taschentuch.
Erneut tauchte
er zwischen ihre Schenkel. Schlimmer hätte es auf keinem
Gynäkologenstuhl der Welt sein können.
Isch seh´
ihn, sagte er fröhlich und, fachmännisch, Salatöl!,
und begann, mit kreisförmigen Bewegungen um den Zeck herumzufahren.
Es fühlte sich nicht unangenehm an.
Sie fixierte
den Hohentwiel, um nicht loszuseufzen. Sie mußte an sich
halten, um ihre Finger nicht in das Mahagoni zu versenken. Haarlocken,
Haltegriffe. Sie lupfte den Po, Angstlust, jetzt begriff sie,
was dieser Ausdruck besagen sollte.
Sein Gesicht
schob sich vor ihres, die Zungenspitze der Konzentration noch
zwischen den hübsch geschwungenen Lippen.
Da!, rief er
und hielt ihr triumphierend einen schwarzen Punkt zwischen Zeigefinger
und Daumen vor die Nase. Sie sah gar nicht richtig hin. Von ihr
aus hätte es ein Tintenfleck oder ein Nescafekrümel
sein können.
Danke, flüsterte
sie matt.
Er knipste die
Taschenlampe aus und schnippte den Zeck in die Landschaft.
Neein, wisperte
sie.
Keine Sorge,
sagte er lächelnd, der is platt, der kommt nicht wieder!
Dann sah er ihr
aufgelöstes Gesicht, die Tränen an ihren Winpern, die
feuchten Lippen.
Aber Mädschen,
was is denn?
Sie schluckte.
In ihrem Mund war viel zu viel Speichel. Sein Mund, seine Lippen
waren so ... mädchenhaft. Süß. Er lächelte.
Küßte damit die Tränen weg. Legte sie ganz langsam
auf ihre und knabberte sanft .Wie eine Ziege auf der grünen
Wiese. Sie vergaß den Zeck. Vergaß ihre zur Untersuchung
geöffneten Beine. Er vergaß den Zeck. Zeck. Ziege.
Zauberer. Er öffnete seinen Gürtel. Warf die Hosen ins
Gras. Sie sah verlegen zum Hohentwiel.
Er gitt über
sie. In sie. Bewegte sich sanft. Sie spürte die himmlische
Reibung an den Wänden ihres Innersten. Sah ein weißes
Wolkenschloß am Firmament. Der Palast des Mahagonizauberers.
Schloß die Augen, fühlte, fühlte. Seufzte.
Schschsch, machte
er. Ein Zittern lief durch seinen Körper. Ein Schweißfädchen
auf seinem Rücken. Stille. Weiche Last.
Es war nicht
ihr erstes Mal. Aber es war das erste Mal, dass ihr Körper
sie entzückt hatte. Sein Potential entfaltet hatte; im Schatten
eines uralten Vulkanschlots, aus dem vor Jahrmillionen heißes
Magma aufgestiegen war. Magma rot und glühend auf grünem
Gras, klebrig und kühl auf blassen Mädchenbeinen. Eine
sanfte Eruption unter fernem Stimmengewirbel und nahem Vogelgezwitscher.
Im August ihres einundzwanzigsten Jahrs.
Mit ohne Zeck.
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