_GESPRÄCH MIT MARIE

Vera: Guten Morgen, Frau Mundt! Sie sehen ja gut erholt aus.
Marie: Das bin ich auch, danke. Obwohl die Reise nach Griechenland ja alles andere als ein Vergnügen war . . .
Vera: Das kann man wohl sagen. Aber darüber wollen wir jetzt nicht sprechen. Mich interessiert vielmehr, wie das Leben weitergeht nach einer solchen existenziellen Erfahrung.
Marie: Tja, wie geht es weiter? Es gibt etwas, das mich wurmt und kränkt - Sie sind ja noch so jung, ich weiß nicht, ob Sie das überhaupt nachvollziehen können -, nämlich die Tatsache, dass das alles so spät gekommen ist in meinem Leben. Mir ging ein Licht auf, aber das viel zu spät. Leider. Ich bin jetzt fünfzig und ein guter Teil des Lebens ist vorbei. Die Schule hat mich aufgefressen in den Jahren meiner Berufstätigkeit; ich hatte überhaupt keine Zeit zum Nachdenken. Und jetzt habe ich Zeit, viel Zeit - jetzt kann ich wirklich zu leben anfangen. Ich lebe ja gern, das wissen Sie, schätze Essen und Trinken, Kino, Theater, Freundschaften. Ich muß das alles erst wieder lernen.
Vera: Und die Liebe? Gibt es jetzt endlich Zeit für die Liebe? Marie: Die Liebe . . . gibt's die überhaupt? Manchmal frage ich mich wirklich. Die Liebe zwischen Eltern und Kindern, die gibt es ohne Frage, sie gründet sich ja auf die Abhängigkeit des einen vom andern. Ein Neugeborenes könnte ja ohne seine Mutter nicht überleben, auch ein Schulkind nicht. Dies extreme Abhängigkeit schafft natürlich natürlich dichte Gefühle. Gefühle der Liebe, wenn Sie so wollen. Aber die Liebe zwischen Mann und Frau, also, mir kommen da Zweifel. Ich denke, die Natur hat für Nachwuchs zu sorgen und deshalb gibt es diese Zeit der starken sexuellen Anziehungskraft zwischen den potentiellen Partnern. Da flammen Sehnsüchte, die befriedigt werden müssen. Und da der Mensch nicht nur Körper ist, sondern auch Kopf . . . entstehen dann die Liebesmythen, die wir alle so gut kennen. Vera: Eine sehr sachliche Betrachtung dieser Angelegenheit, oder?
Marie: Hängt natürlich auch mit meiner Arbeit als Lehrerin zusammen. Ich habe das doch über Jahre beobachtet. Unweigerlich kommt mit der Pubertät die Hinwendung zum anderen Geschlecht. Wie ein Pawlowscher Reflex. Erstaunlich nur, dass diese, sagen wir mal, chemische Reaktion durch die Jahrhunderte der Kulturgeschichte soviel Kraft behält.
Vera: Warum sollte die Natur sich verändern? Für die zählen doch die paar Jahre Menschheitsgeschichte überhaupt nicht.
Marie: Da haben Sie recht. Ich habe mich unklar ausgedrückt: ich habe nicht die Natur gemeint, sondern die menschliche Überhöhung dieses Reflexes durch die Liebeslegenden. Die Liedtexte, die Dramen, die Gedichte, die Romane . . .

Vera: Aber die Dramen ereignen sich doch wirklich.
Marie: Ja, weil wir alle daran glauben wollen. Es hilft uns über die Niederungen des Lebens hinweg. Aber in meinem Alter . . .
Vera: Und der amerikanische Präsident? Ist ja auch nicht jünger. Und trotzdem voll abgefahren auf Monica!
Marie: Ob das was mit Liebe zu tun hatte? Bei ihr vielleicht, bei ihm war es der Reflex - vermute ich jetzt mal, ich kenne die beiden ja nicht. Bei Männern hält dieses sexuelle Drängen vielleicht länger, sie sind ja auch bis ins hohe Alter zeugungsfähig.
Vera: Also in Ihrem Fall, verzeihen Sie, wenn ich jetzt indiskret werde, hat die Liebe ausgespielt? Sie glauben nicht mehr daran?
Marie: Nicht so richtig. Aber ich lasse mich natürlich gerne vom Gegenteil überzeugen.
Vera: Das könnte wohl nur der Märchenprinz?
Marie: Ach ja. Also - Freundschaft, echte Freundschaft wäre auch schon sehr schön. Vera: Lieber der Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach, würde Pauline jetzt sagen. Marie: Ja, und so unrecht hat sie nicht damit. Und vielleicht ist wahre Freundschaft auch kein Spatz, sondern ein . . . Adler.
Vera: Stark und schön. Der König der Lüfte . . .
Marie: Mit recht unauffälligem Gefieder, nicht?
Vera: Heben wir also die Schwingen, Marie . . . und machen uns davon. Etwas Besseres als den Tod können wir überall finden, sagt der Esel bei den Bremer Stadtmusikanten.

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