_TEXTPROBE

Ich setze grimmig Fuß um Fuß in den kalten Sand. Nun kann es nicht mehr weit sein. Es ist stockdunkel. Ich nähere mich Tingaki, das mir als heller Schein schon länger ein Wegweiser am Horizont war. Die ersten Liegestühle, hochgeklappt zur Schlafenszeit; auch Liegestühle haben Ruhe verdient. Die Schirme zugebunden, des Windes wegen. Aber der ist jetzt gänzlich eingeschlafen. Alles ruht, nur Marie muß wandern, bis ihr das Kreuz bricht.
Im Dunkel ein rotglühender Punkt.
Jemand raucht eine Zigarette.
Ich zögere. Ich fühle mich schutzlos so allein hier draußen in der griechischen Nacht.
Aber dann gebe ich mir einen Ruck - es mögen die grüblerischen Gedanken gewesen sein, der Wunsch, mich endlich von meinen Hemmungen zu befreien. Jedenfalls werde ich mir die Szene später so erklären. Es gibt ein Phänomen, das meines Wissens noch nicht erforscht wurde. Man fühlt, wenn einen jemand ansieht. Es ist dieses Wissen, das man beobachtet wird, das einen unruhig macht. Man merkt es nicht sogleich, man spürt nur, daß etwas da ist, das vorher noch nicht gewesen ist. Selbst, wenn es technisch unmöglich ist, daß man den Betrachter sehen kann, so weiß man doch, daß es ihn gibt. Es geschieht in Lokalen, man spürt etwas in der Magengrube, wendet den Blick und begegnet einem Augenpaar. Es geschieht im Auto, man starrt auf die rote Ampel, spürt es in der Magengrube, wendet den Blick, begegnet den Augen im Nachbarwagen. Man spürt es im Zug, im Kino, im Restaurant, man spürt es auch am Strand.
Der Besitzer der Zigarette sieht mich an.
N´ Abend, murmele ich dem Schatten zu, der an einer Liege lehnt.
Auch, antwortet der Schatten mit angenehmer Stimme.
Ich bleibe stehen. Wie gerne würde ich mich jetzt auch für einen Augenblick setzen. Ich schnaufe wie ein alter Dampfer.
Setz´ dich doch zu mir, sagt der Mann, und rauch´ eine mit. Es ist so friedlich hier draußen.
Es ist, als wirke das Phänomen auch bei starker Sehnsucht. Als teile sie sich Fremden ohne mein Zutun mit.
Ja, antworte ich einfach, das tu´ ich, ich bin so lang gelaufen.
Ich setze mich an seine Seite.
Rolf, sagt er gelassen und schüttelt eine Marlboro heraus. Und du?
Marie.
Er zündet mir die Zigarette zusammen mit seiner an, verstaut die Schachtel und legt ganz einfach seinen Arm um mich. Ich weiß nicht einmal, wie er aussieht. In der Glut kann ich lediglich erkennen, daß er nicht mehr ganz jung sein kann und eine kräftige Nase hat.
Kennst du dich mit Sternbildern aus?, fragt er.
Ich schüttele den Kopf, aber das wird er wohl im Dunkel der Nacht nicht gesehen haben.
Ich auch nicht. Aber Orion und Cassiopeia kann ich dir zeigen, sieh´ doch, wie schwarz der Himmel hier ist und wie hell die Sterne.
Es ist wahr. Vor lauter erdenschweren Gedanken habe ich nur auf den Boden geschaut.
Ich habe mir immer gewünscht, einmal das Kreuz des Südens zu sehen, flüstert er.
Und? Siehst du es?
Ach, Marie, seufzt er, dazu müßte ich in die Südsee fahren. Aber bei mir reicht es nur bis Griechenland . . . das Kreuz des Südens erscheint nur auf der anderen Seite der Erde.
Wir schweigen.
Es gibt noch einen anderen Traum, sagt Rolf dann nach einer Weile. Ich weiß nicht, ob ich ihn dir erzählen kann, ich will dich nicht erschrecken . . .?
Ich kuschle mich in seinen Arm und fühle, wie seine Hand wie zufällig über meine Brust streicht.
Es ist ein Kleiner-Jungen-Traum. Ich liege am Strand und plötzlich kommt eine Frau aus dem Meer, tropfnaß, wunderschön, sie kommt zu mir, und wir lieben uns ganz ohne Worte. Und als es vorbei ist und ich die Augen öffne, ist sie verschwunden.
Ich lächle die Sterne an. Etwas ganz Ähnliches hatte ich bei Kalypso geträumt. Was für die Frau der Märchenprinz, ist für den Mann die Meerjungfrau. Ohne Fischschwanz.
Er streichelt jetzt ganz selbstverständlich meinen Busen. Und ich genieße es. Ich fühle mich flüssig an. Ich drücke die Marlboro im Sand aus.
Leg´ dich hin, sage ich, schließ´ die Augen und träum´ weiter. Träum´, Rölfchen, träum´.
Und, ich kann es kaum glauben, er tut es. Er läßt mich los und streckt sich aus.
Ich weiß, daß ich jetzt keine Gedanken aufkommen lassen darf. Ich muß alles ausblenden, was meinen Mut bröckeln lassen könnte. Ich muß die Flügel, deren Wachsen ich an den Schulterblättern fühlen kann, groß werden lassen, sie ausbreiten, fliegen.
Ich werfe meine Kleider ab, viel ist es nicht.
Ich wate langsam ins Wasser.
Es ist wärmer als ich dachte.
Es ist Marie, die das tut, ich kann mir selbst kaum glauben.
Ich tauche ein. Ich will mich nur naß machen, aber dann trägt mich das Meer so wunderbar, daß ich mich flach lege und unter den hellen Gestirnen treibe wie Schaum. Und - der Wunder in dieser Nacht nicht genug: Als ich heraussteige, stieben winzige fluoreszierende Sternchen um meine Knöchel wie ein göttliches Feuerwerk. Aphrodite, die sich Hermes´ Flügelschuhe ausgeborgt hat.
Rolf liegt schon nackt im Sand. Ich lege mich auf ihn, und er erschauert. Und dann leckt er mir das Salzwasser von den tropfenden Brüsten, von den Schenkeln, von den Schultern, aus dem Schoß.

Nessa Altura: aus Maries Geschichte