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_INTERVIEWS
Das
Interview wurde am 17.6.2002 per Mail geführt. Die Fragen stellte
Robert Herbig, Webmaster von sagmal.de
sagmal.de:
Nessa, wer ist eigentlich Nessa Altura?
Nessa Altura: Nessa Altura ist natürlich
ein Pseudonym, ein erfundener Name für eine neue Autorin, nämlich
für mich. Das klingt und hat auch eine Bedeutung. Ist sogar programmatisch,
wenn man so will. Aber um das herauszufinden, müsste man wissen,
in welchem Lexikon die Vokabel nachzuschlagen wäre.
sagmal.de: Auf der ersten Seite Deiner Homepage lese ich: Geschichten,
Geständnisse und Lügen. Geheimnisse, Gurken. Gurken?
Nessa Altura: Geheimnisse, eben,
siehe oben. Das ist mein Metier als Krimi-, respektive Thrillerautorin
- Geheimnisse herzustellen und dann schlüssig aufzulösen.
Und die Gurken?, fragst du. Sind auch nicht nur grün und gesund,
sondern eine Chiffre. Vordergründig wachsen sie in Urspring, der
Stadt, von der aus alles seinen Anfang nimmt. Ganz Urspring ist eine
Erfindung von mir und lebt vom Einmachen derselben in Konserven und
Gläser, Rezept erwünscht?. Im weiteren plane ich noch einen
Gurkenclub, aber davon vielleicht ein andermal. Nur soviel zur Zielsetzung:
Meine Homepage soll auch dazu dienen, Menschen mit einer ähnlichen
Wellenlänge zusammenzuführen. Ich denke, wer die gleichen
Texte schätzt, hat sich auch in anderen Angelegenheiten was zu
sagen. Und das Internet bietet ja die großartige Chance, diese
Menschen herauszufischen und ihnen ein Angebot zu machen.
sagmal.de: Wenn ich die eigentliche Seite betrete, dann springen
mir gleich die Namen Marie, Pauline, Jenna, Leontin, Sys, Vera und Zett
entgegen. Wer ist denn bitte wer und was machen diese Damen alle auf
Deiner Seite?
Nessa Altura: Der Reihe nach: Nessa,
also ich, hat die vier Damen Pauline(45), Jenna (33), Marie (50) und
Leontin(36) schreibend erschaffen; sie sind alle Bewohnerinnen von Urspring.
Man kann sie und ihre jeweilige Geschichte kennenlernen, wenn man unter
ihrem Namen weitersurft. Sys ist ein Mensch aus Fleisch und Blut, eine
Freundin aus dem Netz, sie hilft mir bei der technischen Umsetzung meiner
Ideen. Zett, auch geburtsurkundlich bestätigt, ist eine ehemalige
Arbeitskollegin von mir; sie liest meine Texte vorab kritisch durch.
Und Vera betreut, wenn sie Zeit hat, das Forum und den üblichen
mail-Schriftverkehr - newsletter, Bildrechte, etc.
sagmal.de: Deine Protagonistinnen wohnen alle in der kleinen,
fiktiven Stadt Urspring. Sind Großstädte für Kriminalromane
nicht eher geeignet? Oder braucht es die kleinbürgerliche Atmosphäre
für deine Geschichten?
Nessa Altura: Meine Fälle
sind weniger krimineller Natur als vielmehr unheimliche Vorfälle,
in die sich meine Damen verstricken oder die durch sie aufgeklärt
werden müssen. Und obwohl es dabei durchaus zu Rechtsbrüchen
kommt, handelt es sich nicht im eigentlichen Sinne um Kriminalromane,
sondern eher um Thriller. Und die kommen auch auf dem flachen Land gut.
Vielleicht gruselts sich da sogar leichter; müßte man mal
drüber nachdenken.
sagmal.de: Wann hast Du mit dem Schreiben begonnen?
Nessa Altura: Vor ein paar Jahren.
Morgens - sobald die Kinder in der Schule waren. Da saß ich dann
an meinem Schreibtisch und sollte Überweisungen, Einladungen, Steuererklärungen,
Reklamationsbriefe, etc schreiben. Und weil mich das soviel Überwindung
kostete, habe ich mir erst mal ein Stündchen Fabulieren gegönnt.
sagmal.de: Und was fasziniert Dich am Genre Kriminalroman? Warum
keine Liebesgeschichten? Nessa Altura: Liebesgeschichten
finde ich wunderbar, doch, doch, ich schreibe gerade an lauter kurzen,
kleinen Frivolini (Arbeitstitel) - das sind erotische Kurzgeschichten.
Krimi - tja, war mal mein Lieblingsgenre, aber der Drift zum immer Grausigeren
hat mirs eigentlich vergällt. Das zweite Problem ist, dass die
Bösewichter meistens Menschen sind, die man eigentlich nicht näher
kennenlernen will. Seit ich mein Leben (seiner letzthin erst wahrgenommenen
Kürze wegen) etwas kritischer handhabe, mag ich für die keine
Zeit mehr aufbringen. Deshalb Thriller - ich liebe einfach spannende,
vorwärtsdrängende Texte. Kontemplativ bin ich selber. Und
was andere vom Älterwerden halten, kannst du nachlesen, falls es
dich interessiert. Da unterhalten sich BesucherInnen von Urspring miteinander
über ihre Beobachtungen zum Thema.
sagmal.de: Du hast für "Der Burschl aus Tirol"
Leseprobe den Glauser-Kurzkrimi-Preis des Syndikats gewonnen. Welchen
Wert hat der Preis für Dich persönlich, wenn wir mal von den
1000 Euro, mit denen er dotiert war, absehen?
Nessa Altura: Wenn ich das wüßte
... Zuerst einmal ist er natürlich eine Riesenfreude! Triumph!
Selbstbestätigung! Motivation (braucht man ja beim einsamen Geschäft
des Schreibens)! Von Profis! Und zum andern, so hoffe ich, bringt er
die Verleger und deren Lektoren dazu, meine Manuskripte zumindest zu
lesen und nicht gleich durch den Shredder zu jagen.
sagmal.de: Der Preis wird ja von Autoren vergeben, nicht von
den Lesern. Hat er dadurch einen anderen, einen höheren Stellenwert
für dich?
Nessa Altura: Unentschieden: Anerkennung
von Kollegen streichelt das Ego, Anerkennung von LeserInnen wärmt
das Herz.
sagmal.de: In der Geschichte geht es um eine Frau, die ihren
Mann umbringen will. Sind Frauen in Deinen Augen die besseren Mörder?
Nessa Altura: Sicher nicht, vielleicht
die raffinierteren. Die besten Morde sind doch die, die in der Fantasie
stattfinden und davon, glaube ich, haben die Frauen mehr. Jahrtausendelange
Sklavenerfahrung - die Gedanken sind frei!.
sagmal.de: Wann kann man Deine Geschichten in den Buchhandlungen
finden?
Nessa Altura: Derzeit in zwei Anthologien:
Tatort Berg (Vertigo 2001) und Die Stunde des Vaters (Ulmer Manuskripte
2002). Und Ende dieses/Anfang des nächsten Jahres gibts noch
mehr: Zwei Bände mit Geschichten nur von mir. Die Frivolini (erotische
Geschichten, Verlag steht noch aus) und Sagen aus dem Raum Mittelfranken
(pro-libris, 2002)
sagmal.de: Wäre Nessa Altura ohne das Internet denkbar?
Nessa Altura: Ja, sicher.
sagmal.de: Was bedeutet das Internet für Dich als Frau und
als Autorin?
Nessa Altura: Sehr viel. Einerseits,
weil die Kommunikation mit anderen Gleichgesinnten (Frauen wie AutorInnen)
so einfach geworden ist - sie aufzufinden, sie anzusprechen, gemeinsam
zu diskutieren, Texte quasi simultan zu überarbeiten ... Und andrerseits,
weil man sich kreativ austoben kann und sich - ohne große Kosten
- eine (gewisse, zugegeben relative) Öffentlichkeit herziehen kann.
Das ist für uns AutorInnen, die ja ohne ihr Publikum nichts sind,
großartig.
sagmal.de: Ist das Internet deiner Meinung nach eher männlich,
eher weiblich? Neutral?
Nessa Altura: Neutral, hätte
ich am liebsten geantwortet. Tja, als ich letzte Woche für meine
Zehnjährige Geburtstagsüberraschungen suchte und auch in den
PC-Abteilungen herumgeforscht habe, fand ich so gut wie keine PC Spiele
(außer Barbie und Schulprogramme) für Mädchen; für
Jungs (ich habe auch einen Sohn) jedoch die Masse. In diesem Sinne fürchte
ich, dass wieder das gleiche Problem entsteht: technologische Innovation
- Mädchenbedürfnisse werden von der Industrie ignoriert -
interessieren sich dann auch ihrerseits nicht - die guten Zukunftsjobs
kriegen die Jungs - Frust; Ausnahmen immer möglich. Es stimmt mich
schon melancholisch, dass die Jungs über raffinierte Strategiespielen
Welten erobern, während die Mädels Barbie neue Frisuren machen
dürfen. Und das internet ist dann davon die Fortsetzung. Um Himmels
willen, widersprecht mir doch!
sagmal.de: Gibt es eine neue Kultur des Schreibens durch das
Internet? Oder nur eine andere? Oder gar keine?
Nessa Altura: Doch, schon. Das
betrifft vielleicht nicht das, was schließlich zwischen Buchdeckeln
veröffentlicht wird. Aber das, was im internet zu lesen ist, gehorcht
eigenen Gesetzen: kurz, clickig, plakativ. Und wenns gut ist: dicht
und informativ. Versuch mal, deinem LeserIn einen Schauder über
den Rücken zu ziehen - ohne das englische Landhaus, die richtige
Uhrzeit und wortreiche Beschreibungen von Mond und Wind und klappernden
Fensterläden ... ist schwer. Machmal gelingts. Du verstehst, was
ich meine? Und dann die diskursiven Entstehungsprozesse von Texten:
Man fragt in seiner Schreibwerkstatt (das Netz ist ja voll davon) nach
und bekommt doch tatsächlich Antworten. Das schafft mit Sicherheit
ganz andere Texte. Vielleicht nicht unbedingt bessere, möglicherweise
auch eher standardisierte, aber eben doch professionellere.
sagmal.de: Hast Du bei meinen Fragen eine Frage vermisst?
Nessa Altura: Ja. Die nämlich:
Was hältst du von sagmal.de ? Und um gleich zu antworten: Ich finde
die Idee (hätte von mir sein können! :-) ) ausgezeichnet und
schaue immer mal wieder rein; was andere denken und formulieren, ist
hochinteressant, und, wenns gut geht, unschätzbarer Gewinn. Ich
liebe Interviews, wenn ertragreich gefragt wird ... Und noch: Herzlichen
Glückwunsch zum alternativen Medien-Preis! Ist verdient. Weiter
so! Dankeschön, Robert Herbig!
sagmal.de(zart errötend): Danke.
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