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Susanne
K. betreibt drei Literaturseiten:
www.literaturschock.de,
www.nimues.de
und www.klassikerforum.de
Unter dem Stichwort "Autorengeflüster" hat sie
im Juni ein Interview mit Nessa Altura gemacht.
Susanne
K.: Zuerst einmal Herzlichen Glückwunsch zum Glauser
Kurz-Krimipreis für "Der Burschl aus Tirol". Die
Freude darüber war sicherlich riesengroß? Was bedeutet
diese Auszeichnung für Sie persönlich?
Nessa Altura: Anerkennung
und Motivation, weiterzumachen. Schreiben ist ja ein einsames
Geschäft, und da tut es gut, ein Echo zu hören. Zumal
dann, wenn es von Autorenkollegen kommt, die ja sicher auf eine
ganze andere Art kritisch gucken als es die LeserInnen tun.
Susanne K.: Die Auszeichnung wurde in diesem Jahr erstmalig
für einen Kurzkrimi vergeben. Sind sie darauf besonders stolz?
Nessa Altura: Dafür gibt
es eigentlich keinen Grund: Dass es endlich eine Kurzgeschichtenprämierung
gibt, ist dem Syndikat zu verdanken, nicht mir. Aber ich freue
mich insofern, als es diesem Genre endlich Aufmerksamkeit verschafft.
Eine gute Kurzgeschichte wird ja in den angelsächsischen
Ländern für hohe Kunst gehalten, während sie bei
uns nur so am Rande wahrgenommen wird.
Susanne K.: Tatjana Kruse erwähnte in ihrer Laudatio
über Ihre Auszeichnung (ich darf zitieren) "Selbst Peter
Gerdes, der mit in der Jury saß, meinte: - Den Kerl hätten
wir alle gern umgebracht - . Und wenn das schon ein Mann über
einen Mit-Mann sagt ..." Da haben Sie ja ordentlich Eindruck
gemacht, wenn sogar nicht mal mehr die Männer zueinander
halten?
Nessa Altura: Recht so. Wenn
das nur öfter gelänge ...
Susanne K.: Sie waren auf der Criminale in München.
Haben Sie selbst auch Lesungen gehalten? Waren Sie aufgeregt?
Nessa Altura: Ich habe da
nicht gelesen. Allerdings hatte ich den Burschl schon einmal in
der empfehlenswerten Münchner Krimibuchhandlung Glatteis
vorgetragen und war damals von der Wirkung völlig überrascht
worden: Die Zuhörer lachten so furchtbar, dass es mir schwer
fiel, weiter zu lesen, ohne selbst zu lachen. Sie wissen ja, wie
ansteckend Lachen manchmal sein kann. Das war ohne Frage ein ganz
großes Erlebnis für mich: festzustellen, dass das,
was man daheim am Schreibtisch für lustig hält, auch
von anderen so empfunden wird.
Susanne K.: Sprechen Sie selbst so richtig bayrisch?
Nessa Altura: Nein, überhaupt
nicht. Ich nehme auch an, dass meine Dialekteinsprengsel vor einem
Ethnologen oder Bayernkenner keinen Bestand hätten. Aber
in der Literatur, anders als in der Wissenschaft, zählt,
so meine ich, die emotionale Wahrheit und nicht unbedingt die
empirische. Es sollte für den Zuhörer und Leser alpenländisch
klingen, und das hat wohl auch funktioniert.
Susanne K.: Ihre Website ist toll! Verbringen Sie viel
Zeit im Internet?
Nessa Altura: Manchmal mehr
als gut für mich ist. Beim Schreiben gibt es eine Stelle,
an der man nicht weiterkommt und wupp - surft man ein bisschen
herum. Aber im Ernst - die website macht mir grossen Spass; sie
erfüllt auch mein Bedürfnis nach visueller Kreativität
und schult ganz sicher den Stil. Man kann sich ja im internet
keinerlei Weitschweifigkeit erlauben, sonst verliert man den Betrachter
sofort. Was ich mir aber wünschte, wäre ein bisschen
mehr Betrieb in meinem Forum - als Autor möchte man so gerne
ein wenig mehr über seine LeserInnen wissen. Sollte hier
jemand Interesse haben, bitte reingucken
Susanne K.: Möchten Sie irgendwann auch einen Roman
anstatt einer Kurzgeschichte schreiben? Stellen Sie sich dies
schwerer oder leichter vor?
Nessa Altura: Ich habe über
den Roman den Einstieg ins Schreiben gefunden: Paulines Geheimnis,
Maries Geschichte und Jennas Geständnis sind ja Romane. Erst
danach habe ich, sozusagen als Fingerübung, mit kurzen Geschichten
begonnen. Für mich ist das leichter, weil man nicht so viele
Details im Kopf behalten muss.
Susanne K.: Nessa Altura ist Ihr Pseudonym. Sie machen
ja ein großes Geheimnis um ihr Privatleben und ihren richtigen
Namen. Provokant ausgedrückt, würde ich sagen, dass
Sie sich damit interessant für die Leser machen wollen?
Nessa Altura: Ein Pseudonym
macht halt Spaß - wann kann man das schon, sich selbst neu
erfinden? Daneben gibt es natürlich noch andere Gründe:
Einmal gehört es zum Stil meiner Arbeiten, eine Aura des
Geheimnisvollen herzustellen. Das ist nicht ganz einfach, wie
Sie sich vorstellen können. Zum anderen: Ich habe erfahren,
dass viele Menschen erfundene Geschichten für bare Münze
nehmen und sich sofort überlegen, wann und wo der Autor das
erlebt haben könnte. Das ist nicht immer angenehm - denken
Sie an Kriminelles oder Erotisches -, da ist es besser, wenn einen
die unmittelbare Umgebung nicht sofort identifizieren kann. Auf
Dauer hält sich natürlich kein Pseudonym, das ist mir
auch klar, aber wenigstens für ein Weilchen.
Susanne K.: Der Name Nessa Altura hat eine Bedeutung, die
Sie hier wohl nicht verraten möchten, oder?
Nessa Altura: Das ist einfach
eine Vokabel, wenn man wüßte, in welchem Lexikon nachzuschauen
wäre, hätte man die Lösung.
Susanne K.: Nach ein paar Seiten des Lesens von "Mein
ist die Rache" musste ich wegen der Bissigkeit stark schmunzeln.
Bei "Der Burschl aus Tirol" geschah dies noch früher.
Mögen Sie Sarkasmus und schwarzen Humor?
Nessa Altura: Ja. Sarkasmus
weniger, aber Ironie durchaus.
Susanne K.: Normalerweise mag ich es nicht, wenn Leser
(wie Marcel Reich-Ranicki) eine Geschichte auf eine Art und Weise
interpretieren, wie es der Autor so vielleicht gar nie ausdrücken
wollte. Ihre Kurzgeschichten laden aber direkt zum Analysieren
ein. Wollen Sie damit etwas bestimmtes zeigen oder ausdrücken?
Nessa Altura: Für mich
ist ein Text nur dann gelungen, wenn er mehr als eine Ebene hat.
Ich meine, bei literarischen Texten muß es eine Oberfläche
- auf der sich die Handlung abspielt - geben und eine oder mehrere
darunter. Tollstes Beispiel: der Ulysses: da gibt es mehr Ebenen
als gesund ist.
Susanne K.: Glauben Sie, daß es gefährliche
Bücher gibt?
Nessa Altura: Ja, absolut.
Um ein Beispiel zu nennen: American Psycho gehört für
mich dazu. Ich hätte niemals erlaubt, dass es gedruckt wird,
wenn ich in der entsprechenden Position gewesen wäre. Ich
würde überhaupt nichts drucken lassen, das lustbetontes
grausames Töten detailliert beschreibt. Ich glaube nicht
an die Freiheit der Kunst, wenn sie bedeutet, dass der Künstler
die Gesellschaft mit den Folgen, die aus seinen Machwerken erwachsen,
allein läßt. Stichwort Erfurt. Ich frage mich, wie
lange wir es als Gesellschaft noch zulassen wollen, dass gewisse
Medien-Produzenten absahnen, während wir Mütter und
Väter uns bemühen, die entstehenden Schäden einzudämmen.
Susanne K.: Sind Sie ein Gurkenfan?
Nessa Altura: Mhm, Salzgurken
am liebsten...
Susanne K.: Wie kamen Sie auf die Idee mit Urspring? Und
wann wird Leontin in Urspring einziehen?
Nessa Altura: Wie kam ich
auf die Idee? Tja, plötzlich war sie da ... für den
Leontinroman bin ich in der Sammlungsphase - am liebsten schriebe
ich ihre Geschichte auf der Stelle auf, sie wird nämlich
gut. Aber ich habe mir eine hohe Hürde gebaut: Ich fange
erst damit an, wenn ich einen Verlag für die anderen drei
gefunden habe. Man lebt ja nicht nur für sich allein - jede
Stunde, die ich schreibend verbringe, entziehe ich meiner Familie
...
Susanne K.: Glauben Sie, daß jeder Mensch ab einer
gewissen Schwelle durchdrehen kann? Was wäre so eine Schwelle
für Sie?
Nessa Altura: Ich stelle mir
vor, dass wir Menschen wie Federn sind: Man kann uns bis zu einem
gewissen Grad zusammendrücken oder auseinanderziehen, und
wir springen doch wieder in die Ausgangsposition zurück.
Aber irgendwann kann diese Feder überbeansprucht werden und
dann gibt es kein Zurück mehr. Ich denke, dass diese Schwelle
bei jedem individuell geregelt ist. Wo genau sie bei einem selbst
ist, könnte man nur durch einen Selbstversuch ermitteln,
den ich mir aber auf alle Fälle ersparen würde.
Susanne K.: Würden Sie sagen, dass es deutsche Autoren
schwerer haben, einen Verlag zu finden? Glauben Sie, dass es in
Zukunft leichter wird?
Nessa Altura: Ich weiß
nicht, ob das stimmt. Auf alle Fälle ist es für einen
unbekannten Namen ganz, ganz schwer. Auf der anderen Seite muß
man ja sehen, dass da ein Verleger eine ganze Menge Geld in die
eigenen Gedanken investieren soll, und das bei so einem unkalkulierbaren
Fantasieprodukt, das ja auch noch Moden unterworfen ist. Wer jetzt
zum Beispiel einen skandinavischen Namen hat (und schreiben kann)
dürfte es leichter haben auf dem Krimisektor ... aber das
kann morgen schon wieder anders sein.
Susanne K.: Was ist das schwierigste am Schreiben? Was
das einfachste?
Nessa Altura: Das Schwierigste
finde ich das Verkaufen des Geschriebenen. Das Einfachste: die
Idee. Die kommt ganz von selbst beim Anblick eines Tiroler Tales,
beim Hören von Liedern wie dem vom Anton aus Tirol. Also
im Grunde das Zuvor und das Danach und dazwischen ist dann das
eigentliche Schreiben - an manchen Tagen höchster Genuß,
manchmal auch große Mühe.
Susanne K.: Haben Sie selbst Kontakt zu anderen Autoren
und Autorinnen? Und haben Sie schon "Berühmtheiten"
kennengelernt?
Nessa Altura: Ich kenne und
schätze Ingrid Noll: Sie hat meinen ersten Romanentwurf sorgfältig
gelesen und für gut befunden und immer an mich geglaubt.
Das hat mir grossen Respekt vor ihr eingeflößt, denn
sie hat wirklich viel um die Ohren.
Susanne K: Woran arbeiten Sie derzeit? Wie wird es nun
weitergehen?
Nessa Altura: Im Augenblick
schreibe ich eine Serie Sagen und Legenden und eine Serie Erotischer
Geschichten; beides macht großen Spaß. Wenn man für
Erotik nicht in Stimmung ist, schreibt man eine Sage und ungekehrt.
Aber im Grunde zieht es mich zu meinen Urspringerinnen: Hier möchte
ich endlich weiterkommen!
Susanne K.: Vielen, vielen Dank, daß Sie sich Zeit
für mich genommen haben, Frau Altura! Das war mal wieder
ein tolles Interview! Viel Spaß und Erfolg mit Ihren weiteren
Projekten!
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Veras Interview mit der Glauserpreisträgerin
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