_WAS UNSERE LESER(INNEN) MEINEN: ZUM THEMA ORDNUNG

Vera fragt heute nach der Bedeutung von Ordnung im Leben anderer.

Geantwortet haben ihr dieses Mal Sys, unsere Kollegin, Frauke*, Else Emma, Dirk* und Sven*

Vera: Würden Sie sich selbst als ordentlichen Menschen bezeichnen?
Else Emma: Nicht unbedingt.
Dirk: Zunächst muss man einmal die Frage klären, was denn Ordnung überhaupt sein soll - die Ordnung im Sinne der Sauberkeit, der Aufgeräumtheit, Ordnung im
Sinne von Struktur und Organisation? Oder aber auch Ordnung in Form von
genormten Verhaltensregeln und Gesetzen?
Vera: Und ist Chaos tatsächlich das Gegenteil der Ordnung ?
Dirk: Ich würde mich als relativ ordentlich bezeichnen, wobei Unordentlichkeit nicht zwingenderweise negativ sein muss.
Sys: Auf gar keinen Fall. Aber gibt es solche? Können die dann in meiner Abwesenheit mal bei mir vorbeikommen und sich meiner Wohnung annehmen?
Sven: Ja, ich lege sehr viel Wert auf Ordnung!
Frauke: Insgesamt finde ich Ordnung immer gut, wobei ich selbst manchmal eher unordentlich bin. Wichtiger als Ordnung finde ich Sauberkeit. Es muss nicht alles an seinem Platz stehen, aber unter der Unordnung dürfen sich keine anderen Lebensformen wohlfühlen. In Räumen, die von mehreren genutzt werden, ist Ordnung absolut notwendig, wohingegen man in privaten Räumen, etwa dem eigenen Zimmer in einer Wohngemeinschaft, das Chaos manchmal benötigt, um sich wohlzufühlen.

Vera: Waren Sie schon als Kind/Jugendlicher so oder hat sich mit dem Erwachsenwerden etwas geändert?
Dirk: Natürlich ist es einem als Kind nicht so wichtig, wie viele Spielsachen wie lange im Zimmer herumliegen, man lebte die Zweckmäßigkeit. Spätestens
mit dem Bewohnen einer eigenen Wohnung ändert sich aber das Verhalten, da man mit dem Zustand einer Wohnung, dem Lebensraum, den individuellen Charakter nach außen kommuniziert.
Es ist allerdings schon komisch, wenn man teilweise Wohnungen von rein äußerlich sehr gepflegten Menschen betritt, die dann das totale Chaos
darstellen.
Frauke, 22, VWL-Studentin, in einer Wohngemeinschaft lebend
Frauke: Eigentlich war das schon immer so, dass mein Zimmer eher unordentlich ist. Der Zustand meines Schreibtisches wird sich wohl nie ändern. Solange ich daran noch arbeiten kann, ist alles in Ordnung. Ich habe auch noch nie Probleme mit unauffindbaren Dingen gehabt, da alles Wichtige immer sichtbar irgendwo obenauf liegt.
Von meiner Mutter sehr zu Ordentlichkeit und Reinlichkeit erzogen ist an den wichtigen Stellen wie Küche oder Bad immer alles sauber und ordentlich. Während der Schulzeit verschimmelte schon mal das ein oder andere Käsebrot über die großen Ferien in meiner Schultasche...
Sys: Grundsätzlich hat sich nichts geändert. Allerdings siegt die Vernunft immer öfter, denn ständige Zahlung von Mahngebühren, Nervenkrisen bei der Steuererklärung und lange abgelaufene Personalausweise machen dann auf Dauer doch nicht so viel Spass.
Else Emma: Bei mir hat sich überhaupt nix geändert. Ich war immer schon so.
Sven: Ich war eigentlich schon immer sehr "ordentlich" auch als Kind habe ich z. B.. nie im Dreck gespielt oder meine Kleider dreckig gemacht laut meiner Mutter. Mit dem Erwachsenwerden hat sich mein Sinn für Ordnung nur weiter ausgeprägt. Vera: Gibt es ein Ordnungsprinzip, nach dem Sie verfahren? Oder gar mehrere? Können Sie sie so beschreiben, dass sie eine Hilfe für uns alle sein könnten?

Else Emma, 79, Witwe, vier Kinder
Else Emma: Zu Ende bringen, was man angefangen hat! Handwerkszeug wieder an seinen Platz zurückbringen! Brille und Schlüssel immer an denselben Ort legen!
Dirk: Ich verfolge kein besonderes Ordnungsprinzip. Terminkalender führen, Agenda für die Zukunft notieren, Literatur nach Herkunftsländern ordnen, Musik nach Stilrichtungen und Möbel nach Komfort! Arbeitszeit und Freizeit deutlich voneinander trennen!
Sys: Mein Ordnungsprinzip ist eher minimalistisch: ich ordne Unterlagen in 2 Stapel: wichtig und unwichtig. Letzteres wird nach und nach in Richtung Papierkorb abgebaut, ersteres wandert in eine riesige Klarsichttasche. Und wenn ich dann akut etwas suche, gucke ich zuerst dort. Wenn sich das Gewünschte darin nicht befindet, steigt ad hoc mein Puls und ich verspüre ein leichtes Zittern: WO ist es dann, wenn nicht hier?????
Dirk, 23, BWL-Student, allein lebend

Frauke: Wie gesagt, es darf unordentlich, aber NIEMALS schmutzig sein. Trotz meiner Faulheit, was Aufräumen betrifft, setze ich die Sauberkeit und Hygiene an erste Stelle. Was nicht schimmelt oder stinkt darf ruhig eine Weile rumliegen. Außer schmutziger Wäsche oder Müll natürlich.

Sys, 24, IT-Spezialistin und Mitglied des nessa-altura-teams
Vera: Treffen Sie für sich eine - wie immer geartete - Bewertung, wenn Sie einen Menschen kennenlernen, dessen Ordnungsverhalten ganz anders ist als Ihres?
Frauke: Ich treffe keine Bewertung, aber ich versuche schon, Überzeugungsarbeit zu leisten. Mein Freund zum Beispiel ist ein sehr unordentlicher Mensch. Er ist sogar der Meinung, es ist sauber, wenn bereits die Fliegen die Wohnung bevölkern. Von Sauberkeit, Ordnung und Hygiene hält er nicht viel. Statt es zuzugeben oder etwas daran zu ändern, definiert er lieber den Begriff der Ordnung neu, damit seine Einstellung die einzig passende ist.
Gut, ich gebe zu, ich treffe doch eine Bewertung...
Dirk: Grundsätzlich nur in Extremfällen!
Schwierig gestaltet sich die Situation dann, wenn einem Menschen ein spezielles Ordnungsverhalten aufgedrängt werden soll - womöglich auch unbewusst.
Else Emma: Ja. Ganz besonders bei Pedanten!
Sys: Meistens bekommt man ja erst nach einer Weile mit, ob jemand ordentlich ist oder nicht, aber: bis zu einem gewissen Mass bewundere ich Menschen die ihren Papierkram und alles andere gut im Griff haben. Peniblen Erbsenzählern aber, denen ihre Ordnung über alles geht, bringe ich ein ziemliches Misstrauen entgegen. Was vertuschen sie denn unter dem Deckmäntelchen ihrer Ordentlichkeit, welche Leichen liegen wohl in ihrem Keller, wenn sie nach aussen so bemüht beherrscht wirken wollen?

Sven, 19, Schüler, kurz vor dem Abitur
Sven: Nein eine direkte Bewertung eigentlich nicht. Dabei kommt es auch darauf an, was ich mit dem Menschen zu tun haben werde. Wenn ich den-oder diejenige als Kumpel sehe, ist es mir definitiv egal, wie ordentlich oder unordentlich er oder sie ist. Allerdings bin ich von kleinen "Müllhalden" auch nicht begeistert; also ein gewisses Maß an Ordentlichkeit sollte derjenige dann schon haben. Bei einer Freundin ist es mir nicht egal, aber wenn sie nicht ordentlich ist, werde ich auch das lieben lernen!! Zumindest solange man nicht zusammen eine Wohnung hat, da sollten dann vielleicht schon Kompromisse gesucht werden.
Vera: Schon mal was von den sog. "messies" gehört? Kann es sein, dass deren Problem krankhaft ist?
Else Emma: Nö, nie gehört. Im Englischen so etwas wie Unordnung.
Krankhaft höchstens bei Arterienverkalkung.
Dirk: Wahrscheinlich psychisch bedingt krankhaft. Man schränkt seinen Lebensraum zugunsten des Mülls ein!
Sys: Messies und Unordentliche sind zwei verschiedene Dinge. Messies lieben ihr Chaos. Ich hingegen wäre froh, wenn mir ein guter Geist dieses beseitigen würde. Das ist der entscheidende Unterschied!
Vera: Ordnung ist das halbe Leben, sagt ein Sprichwort. Wahr oder falsch?
Frauke: Sollte ich mal etwas sehr dringend suchen, und einer, der gerne recht hat, behelligt mich mit dieser Weisheit, werde ich es jedenfalls schon aus Prinzip abstreiten.
Es muss aber auch was Wahres dran sein, denn wie schon meine Oma sagte:
"Ordnung ist das halbe Leben,
sch... ins Loch und nicht daneben!"
Else Emma: Nur halb wahr - ein bisschen Unordnung ist sehr gemütlich!
Dirk: Was ist denn dann die andere Hälfte - die Unordnung ?
Sven: Naja. Ordnung ist nicht alles im Leben auch nicht die Hälfte. Ordnung ist eine gewisse Notwendigkeit, mit der man sein Leben einfacher gestalten kann. "Es macht das Leben leichter!" Zu wenig Ordnung ist nicht gut, aber zu viel Ordnung ist auch nicht das Maß aller Dinge. Ich denke hierbei ist der goldene Mittelweg die beste Art, sich durchzuschlagen. Ich selber würde mich dann etwas über diesem Mittelweg einstufen.
Sys: Für mich definitiv falsch und wenn ich mein halbes Leben mit Ordnung verbrächte, hätte ich schnell das Gefühl nicht wirklich zu leben. Manchmal bringt einen die Suche nach einer bestimmten Sache auf neue Ideen. Ein Beispiel? Auf der Jagd nach einem bestimmten Beleg für die Steuererklärung ziehe ich eine Schreibtischschublade auf, es flatttert mir ein Brief entgegen, alt, aus der Schulzeit. Ich lese, erinnere mich, ein Lächeln zieht auf meinem Gesicht auf, ich frage mich wie es der Briefeschreiberin wohl geht. Ich setze mich an den Rechner, recherchiere im Internet, finde nach langer Suche eine Emailadresse, schreibe eine Mail.
Nach 3 Tagen habe ich eine Antwort von einer alten Freundin, viele Neuigkeiten aus einem altbekannten Leben und der Beleg? Der bleibt verschollen, aber irgendwie ist das dann auch gar nicht mehr so wichtig.
Vera: Was ist der erste Schritt zur Ordnung?
Sven: Die Einsicht, dass man nicht ordentlich sein muss. Und die bekommen viele Menschen dann, wenn sie in ihrer Unordentlichkeit nichts mehr finden.
Frauke: Die Unordnung
Sys: Verzweiflung.
Else Emma: Sich selbst disziplinieren!
Vera: Haben Sie eine Frage vermißt, zu der Sie eine interessante Antwort gehabt hätten?
Dirk: Sind unordentliche Menschen auch Menschen ? Womöglich doch.
Vera:
Danke für Ihre Antworten!

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*Name von der Redaktion geändert