_DAS GIFT

Er war ein berühmter Fußballstar und sie eine Studentin der Philosophie, mager, intellektuell, arrogant, dünnhäutig. Wie sie sich kennengelernt haben? Tut nichts zur Sache, seltsamer Zufall. Noch in der gleichen Nacht schliefen sie miteinander.

Am Morgen danach schämte sie sich. Was hatte sie mit einem Bundesligaspieler zu schaffen? Einem Muskelprotz, einem Kerl mit schlichtem Verstand, einem breitbeinigen Stürmer? Sie schlich sich aus seiner geschmacklos eingerichteten Wohnung. Nur nicht zusammen gesehen werden! Er hingegen wollte sie zeigen, seine Eroberung vorführen, mit ihrer Bildung prahlen. Sie verbrachten ein einziges Wochenende zusammen vor den Augen der Öffentlichkeit. Er ließ keine Gelegenheit aus, den gaffenden Umstehenden klar zu machen, dass er mit ihr schlief — dem Kumpel, dem Kellner, dem Bahnschaffner, dem Bankangestellten. Sie fühlte sich preisgegeben, haßte ihn. Fand sich gedemütigt.

Beschloß, es nie wieder geschehen zu lassen.

Aber im Dunkeln, nachts, stand sie vor seiner Haustür, und er öffnete ihr. Freudestrahlend. Wie ein Kind. Küßte sie mit seinem warmen Mund, umzäunte sie mit seinen prächtigen Armen, drückte seine muskulösen Oberschenkel gegen ihre, ließ sie spüren, dass er sie begehrte. Und dann - ein nie gekanntes Wunder — verschwand ihr kleiner Studentinnenverstand.

Sein giftiger Kuß: buttrig die Knie, rasend das Herz, schmerzhaft der Atem, Trommeln im Puls, ihr Verlangen nach ihm — ein unbegreifliches Tier in ihr. Voller Gier. Im Unterkörper Ziehen, Wimmern, Hämmern, Woge, Meer, Brandung, und im Kopf das blanke, das wunderbare Nichts. Und dann riß er sie hinein in seine Wohnung und noch im Flur ... er konnte alles mit ihr machen, verstehen Sie? Alles. Nach diesem Kuss gab es in ihrem Körper nichts, das sie ihm noch hätte verwehren können. Dinge, die sie niemals getan hatte, niemals wieder tun würde, vor ihm nicht und nach ihm nicht. Alles — und alles ohne einen einzigen zusammenhängenden, grammatisch richtigen Satz.

Bis dann im Morgengrauen der Verstand wiederkam.

Und nicht nur der: Eines Morgens — nach zehn, zwölf immergleichen Nächten des Taumels — kam seine Frau zu ihm zurück und warf sie hinaus.

Und sie hatte nicht einmal gewußt, dass er verheiratet war.

Zuerst tat es weh, aber dann war sie wie erlöst. Welch kostbares Gift in seinem Kuss gewesen war, begriff sie erst nach Jahren.

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