
Vera:
Heute schon einen Abendspaziergang gemacht, Frau Jänner?
Pauline:
Nein, heute war ich nicht draußen. Habe mich festgesurft.
Ich habe da jemanden gefunden, im Fernen, mit dem ich vieles gemeinsam
habe.
Vera:
Chatten Sie denn mit Unbekannten?
Pauline:
Ja, aber nicht mit vielen. Einzelne sind es, die mit der Zeit zu
unentbehrlichen Gesprächspartnern werden. Ich finde das sehr
schön.
Vera: Ich möchte Sie was fragen.
Pauline:
Nur zu, wenn es Fragen sind, auf die ich eine Antwort weiß.
In vielem, was ich früher zu wissen glaubte, bin ich mir jetzt
nicht mehr sicher.
Vera:
Ganz einfache Fragen. So wie zum Beispiel: Wie kommen Sie zurecht?
 Pauline:
Mal besser, mal weniger gut. Finanziell gesehen, komme ich über
die Runden. Ich habe sogar das Haus behalten können und jetzt
eine Festanstellung.
Vera:
In Urspring?
Pauline:
Ja. Und Schluß.
Vera:
Ich verstehe, Sie möchten nicht weiter darüber reden.
Gut, das kann ich akzeptieren. Wie halten Sie die Einsamkeit aus?
Pauline:
Das ist nicht einfach. Ich war ja so lange verheiratet, da war man
Teil eines Paares. Mit allen Lasten und Freuden. Ohne die tägliche
Resonanz eines anderen können sich manche Gefühle gar
nicht erst entfalten. Am schlimmsten sind die Mahlzeiten. Ich hasse
es, alleine zu essen. Die Tischgewohnheiten verrohen. Wenn ich Kinder
hätte . . .
Vera:
Hoffen Sie noch?
Pauline:
Nein, damit ist es vorbei. Schon rein biologisch. Das zu akzeptieren
ist mir nicht leicht gefallen, nie.
Vera:
Ich weiß, ich weiß. Warum sind Kinder so wichtig? Ich
habe auch keine und bin ganz zufrieden damit.
Pauline:
Jeder ist anders. Natürlich kann man gut auch ohne Kinder leben
und dabei glücklich und erfüllt sein. Für mich waren
sie so etwas wie Hoffnung auf Sinn. Ich denke, es ist so ein Ausweis
für die Daseinsberechtigung. Man muß sich nicht mehr
fragen, warum man dieses und nicht jenes tut - Kinder brauchen
einen, die Welt braucht Kinder und die Mütter sind dazu da,
aus diesen Geschöpfen Menschen zu machen. Etwas Wichtigeres
und Sinnvolleres kann es gar nicht geben. Ein Erwachsener, ein Partner
- jedenfalls eine so autarke Persönlichkeit wie Kons -
braucht einen im Zweifelsfalle gar nicht wirklich. Oder nur an den
Rändern der Existenz . . . zum Teilen, zum Austauschen, als
Resonanz, aber nie ganz und gar, nie mit Haut und Haar. Kinder schon.
Und noch etwas: Kinder entwicklen sich unaufhörlich. Erwachsene
haben etwas Statisches an sich, Kinder sind Dynamik pur.
Vera:
Manchmal zuviel davon.
 Pauline
(lacht): Weiß Gott!
Vera:
Ein schönes Kostüm haben Sie da an! Stellen Sie sich vor,
Sie hätten ständig Milchflecken auf den Schultern ...
Ich habe eine Freundin, der geht es so. Ich schaue schon immer automatisch
danach, wenn ich sie treffe. Sie ist dann ganz entsetzt - sagt,
der Fleck wär neu, sie habe ihr Baby grade zum Abschied hochgenommen
und geknuddelt und -oops - wieder einer!
Pauline:
Ja, ein Businesskostüm. Man jagt ja ständig den Bildern
hinterher, die man in den Hochglanzmagazinen sieht. Eigentlich albern,
aber es ist schwer, sich davon frei zu machen. Eine erfolgreiche
Frau hat heute eben so auszusehen. Erst, seit ich wieder täglich
im Beruf bin, habe ich begriffen, wie praktisch der Anzug für
den Mann ist. Geringe Veränderungen genügen. Man muß
sich nicht täglich fragen, ob man sich in dem Gewand auch wohlfühlt.
Immer der gleiche Typ Schuh, der gleiche Strumpf, die gleiche Aktentasche
... keine Zeitverschwendung morgens bei der Auswahl.
Vera:
Wird das nicht langweilig?
Pauline:
Mir nicht. Ich bin sowieso mehr an Inhalten interessiert und weniger
an Dekor. Diese Phase gehört zu meinem früheren Leben;
ich teile streng nach Vorher und Nachher.
Vera: Vorher und Nachher? Wovor? Wonach?
Pauline:
Vor Kons und danach. Seither ist alles anders geworden; auch ich
selbst bin eine andere.
Vera:
Und das schlechte Gewissen?
 Pauline:
Ist da. Immer. Jede Minute. Damit muß ich leben. Inhalte helfen.
Wie spät ist es? Schon sieben? Tut mir leid, ich muß
jetzt gehen, muß noch eine Kunsthistorikerin treffen, die
ich zur einem Vortrag einladen will.
Vera:
Danke, dass Sie da waren. Und viel Glück! |