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___Zwei
Männer, die mir nahe waren, sind tot. Nicht gestorben, sondern
getötet worden. Den einen liebte ich wie keinen vor ihm,
vom anderen glaubte ich mich verstanden. Dann mußten sie
beide unter die Erde, dem einen waren die Herzkammern voll Blut,
dem anderen die Lungenflügel voll Wasser gelaufen. Ich bin
übriggeblieben, allein. Und was das Schlimmste ist: Ich weiß
nicht, ob nicht ich diejenige war, die sie getötet hat. Manchmal
kann ich selbst kaum glauben, daß das alles wirklich passiert
ist. Tagelang denke ich nicht daran, und dann kommt es plötzlich
über mich, kraftvoll, grob, gänzlich unerwartet. Dumm
- dumm - dumm macht mein Herz und schlägt hart gegen
meinen Brustkorb, dumm - dumm - dumm, mein Atem wird flach,
ich halte mich fest, um mich der Woge entgegenzustemmen, der Woge
aus Scham und Selbsthaß, die mich gleich überfluten
wird.
___Und dann hilft nur eines - glauben Sie mir -, ich weiß
das aus Erfahrung: zum Regal gehen, das schwarze Ding nehmen,
den Regenmantel anziehen und hinausgehen zum See, zu den großen
alten Bäumen oder an dem Rest der Stadtmauer entlang, den
Urspring noch übrigbehalten hat nach dem Wüten Napoleons.
Das Ding in der Manteltasche versteckt und im Kopf dieser Drang,
die Handgranate abzuziehen, nicht vor mir zu werfen, sondern festzuhalten
und sie dann explodieren zu lassen und alles, alles, mich eingeschlossen,
zu zertrümmern. Mein eigenes ganz persönliches Himmelfahrtskommando.
Und wenn ich dann so im feuchten Gras stapfe, grimmig, die Hände
in den Manteltaschen, die imaginären Blutfontänen und
die Knochensplitter um mich herum, dann hört mein Herz auf
zu rasen, und meine Finger suchen nach dem Schalter. Und dann
drehe ich am Knopf, und dann triumphiere ich: Es prasseln die
Salven, es knattert und tobt und tötet und jagt um mich her,
daß es eine Lust ist. Dann schwirren sie durch die Dämmerung,
meine lautlosen Soldaten, meine geheime Armee, meine Zeugen. Neunundneunzig
von hundert Urspringer Bürgerinnen und Bürgern wissen
nicht, daß sie da sind, und es kümmert sie nicht, sie
ahnen nichts von den gewaltigen Fledermauspopulationen, die unsere
steinernen Städte bevölkern. Aber ich fühle mich
ihnen nah; mein Fledermausdetektor, das schwarze Kästchen,
das ich beim Bund Naturschutz gekauft habe, hebt die Töne
aus dem Dunkel, die die kleinen Tiere mit gewaltiger Anstrengung
hervorstoßen, um sich mittels einer Art Echolot zu orientieren.
Der Detektor ist ein simples Gerät, obschon, genau erklären
könnte ich Ihnen seine Wirkungsweise nicht, nur soviel: er
transponiert die Geräusche der Fledermäuse, die in einer
Frenquenz stattfinden, die unser menschliches Ohr nicht hören
kann, in eine andere Frenquenz, die wir sehr wohl hören können,
und so erfahren wir von ihrer Existenz. Man kann sie natürlich
auch sehen, wenn das Auge geübt ist, aber sie schlagen die
Flügelmembranen so schnell auseinander, daß wir oft
nicht sicher sind, ob wir uns diese Bewegungen nur eingebildet
haben oder ob sie tatsächlich vorhanden sind. Sie verstehen,
was ich damit sagen will?
___Wenn
es Geräusche gibt, die unsere Ohren nicht wahrnehmen können,
weil sie dafür zu grob gebaut sind, dann gibt es auch Gerüche,
die so seltsam sind, daß unsere Nasenschleimhäute sie
nicht identifizieren können. Wenn es Bewegungen gibt, die
so schnell sind, daß unsere Augen sie nicht sehen können,
weil sie dafür zu schlicht gebaut sind, dann gibt es auch
Geschmacksrichtungen, die so köstlich sind oder so entsetzlich,
daß sie unsere Zungenpapillen nicht aufnehmen können,
dann gibt es auch Oberflächen, die so unvorstellbar sind,
daß sie die Rezeptoren auf unseren Fingerflächen nicht
erfühlen. Sie verstehen? Ich weiß nicht, ob Sie dieser
Gedanke beunruhigt ...? Mich beruhigt er; ich wende dann meine
Schritte nach Hause zurück. Und wenn dann der Schüssel
im Stahlzylinder meiner Haustür knirschend sich dreht, dann
erlaube ich mir noch einen Abschlußgedanken, der mich wahrhaft
befriedet. Es ist eher eine Anekdote, kaum von Belang, aber mir
gefällt sie. Carl von Linné, der große schwedische
Wissenschaftler des achtzehnten Jahrhunderts, der leidenschaftliche
Systematiker mit der Lockenperücke, der als erster versucht
hat, Flora und Fauna zu katalogisieren, hat einen Fehler gemacht,
der meinem nicht unähnlich ist. Um im Bild zu bleiben: Er
hat die Fledermäuse - neben den Menschenaffen und den Menschen
- zu ein- und derselben Familie gerechnet, der Familie der Primaten.
Herrentiere nannte er sie.
>>>Und
jetzt mal was ganz anderes: Pauline plaudert
aus dem Nähkästchen.
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