"Der Winter ist meine Jahreszeit; im Winter bin ich geboren, im Winter habe ich meinen Mann kennengelernt, Jänner ist mein Familienname. Vielleicht ist das der Grund, weshalb meine Gedanken immer wieder zu den beiden Winterkindern zurückkehren. Kons, so nenne ich Konstantin inzwischen - eine Abkürzung, deren scharfer Pfeifton in den Gehörknöchelchen schmerzt, die aber wirklich zu ihm paßt - Kons also nennt das eine Obsession, darum spreche ich nicht mehr mit ihm darüber. Was mich neben meiner Arbeit und meiner Familie interessiert, ist das Wetter, das Klima, die Veränderungen, die stattfinden. Die Vorstellung, daß ein Klimaanstieg der Durchschnittstemperatur um nur eineinhalb Grad Celsius unser aller Leben drastisch verändern kann, fasziniert mich. Um diese Faszination dingfest zu machen, notiere ich Wetterbeobachtungen, die mir bedeutsam erscheinen. Ich weiß zum Beispiel, oder könnte es nachschlagen, wann genau es in den letzten dreißig Jahren zum ersten Mal im Jahr in Urspring geschneit hat. In den Jahren zwischen 1970 und 1980 war das mit schöner Regelmäßigkeit um den zehnten November herum, zarte Flocken, die kaum eine Viertelstunde lang fielen, miteingerechnet. In den Jahren zwischen 1980 und 1990 verschob sich der weiße Winteranfang nach hinten, oft wurde es Dezember, Januar sogar. Jetzt fällt eine Menge Schnee im März, der Frühling ähnelt dem Herbst, und der Sommer kommt plötzlich, heiß und schwül, von einem Tag auf den anderen."

aus Kapitel 1